Dorothee Barth:
Ethnie, Bildung oder Bedeutung?
Zum Kulturbegriff in der interkulturell orientierten Musikpädagogik
Forum Musikpädagogik Band 78
229 Seiten, ISBN 9783896396259
Wißner Verlag 2007
Der Musikunterricht hat auch heutzutage seine inhaltlichen Schwerpunkte meist im traditionellen Werkkanon der europäischen Musikkultur. Darin kommt allerdings die musikkulturelle Erfahrungswelt Jugendlicher kaum vor. Musiklehrer haben zwar gelernt, ein klassisches Kunstwerk zu vermitteln, kennen aber in der Regel keine interkulturellen Konzepte oder Methoden. Vor allem können die meisten Lehrer nicht souverän und angemessen mit der besonderen Lage von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund umgehen.
Die musikpädagogische Auseinandersetzung mit der Interkulturalität stagniert inzwischen weitgehend, nachdem in den 1990er Jahren mehrere Materialien zur Unterrichtspraxis und wissenschaftliche Publikationen erschienen sind. Denn Themen wie PISA, die „Bastian-Studie”, Leistungsstandards oder Bildungskanon scheinen wichtiger geworden zu sein.
Dorothee Barth hat mit ihrer Dissertation zum Kulturbegriff in der interkulturell orientierten Musikpädagogik dieses Thema wieder in die aktuelle Diskussion eingebracht. In ihrer Arbeit setzt sie sich mit dem Kulturbegriff auseinander, sie schafft so die notwendigen theoretischen Grundlagen und eröffnet zudem neue Perspektiven für die Unterrichtspraxis. Als erfahrene Lehrerin, die an einem Hamburger Gymnasium Musik und Latein unterrichtet, kennt die Autorin die Probleme der Unterrichtspraxis zur Genüge. Die von ihr dargestellte interkulturelle Musikpädagogik auf der Basis des „bedeutungsorientierten Kulturbegriffs“ möchte an der Entwicklung der Fähigkeit zur musikalisch-ästhetischen Wahrnehmung von Kindern und Jugendlichen arbeiten – egal um welche Musik es sich dabei handelt. Am Beispiel von Kindern und Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund verdeutlicht sie, wie stark deren musikalische Vorlieben durch ihre spezifische Migrationssituation beeinflusst sind.
Wer sich die Zeit nimmt, diese überzeugende und sehr verständlich dargestellte wissenschaftliche Abhandlung zu lesen, wird viele neue Erkenntnisse über seine eigene Vorstellung von „der Kultur“ oder „den Kulturen“ gewinnen. Zwar wird man keine konkreten Vorschläge für die Praxis des Musikunterrichts finden, die man am nächsten Tag direkt umsetzen kann. Aber viel wichtiger für die Lehrer (auch wenn sie nicht nur Musik unterrichten) erscheint mir die Ermutigung, das „Wagnis der Interkulturalität“ einzugehen. Dorothee Barth empfiehlt als Haltung gegenüber den Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sowie den fremden Musiken gegenüber: „dass man den Rollentausch vom Alles-besser-wissen-Müssenden zum Genau-Beobachtenden und Gute-Fragen-Stellenden zu ertragen lernt und dass man sich immer mehr als Forschenden und Lernenden denn als ausschließlich Lehrenden sieht“.
Empfehlenswert für jeden(Musik-)Pädagogen!
Dr. Beate Forsbach
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